„Mir geht es den Umständen entsprechend. Und weiter?“ (Fragment)

Fragment aus Radka Denemarkovás Essay in:

Karel Cudlín, Radka Denemarková, Tomáš Jelínek (ed.), Silja Schultheis (ed.): Jako by se to všechno stalo včera: Pocta obětem a přeživším nacistické perzekuce s esejem Radky Denemarkové a portréty Karla Cudlína / Als wäre das alles gestern geschehen: Eine Hommage an die Opfer und Überlebenden des NS-Regimes: Mit einem Essay von Radka Denemarková und Porträts von Karel Cudlín. Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds, Prag 2021. 168 Seiten.

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Das Trauma endet nicht mit dem Verlassen des Konzentrationslagers. Es endet nicht mit dem Ende des Krieges. Es endet nicht mit dem Tod des letzten Überlebenden. Das Trauma ist die Atemluft Europas. Es ist entsetzlich, dass so viele Menschen ums Leben gekommen sind. Einfach skandalös aber ist, dass der Holocaust hier stattgefunden hat, im zivilisierten, kultivierten, industriell entwickelten Europa, das auf einem christlichen Fundament und Phrasen von der Nächstenliebe ruht. Es ist skandalös, dass es in Europa zu so etwas kommen konnte. Dass so etwas überhaupt möglich ist. Dass wir so etwas zugelassen haben. Denn wir alle haben es zugelassen. Und es hat Folgen, bis heute – kulturelle, ethische, politische Folgen. Stellen wir diese Tatsache nicht infrage, fragen wir nach ihrer Bedeutung. Unsere Welt und unsere Kultur müssen neu definiert werden. Zum ersten Mal wurde der Mensch auf ein Objekt industrieller Verarbeitung reduziert. In gewissem, übertragenem Sinne ist der Mensch heute immer noch Objekt industrieller Verarbeitung. Der Holocaust gehört zum hoch entwickelten Europa, auch wenn wir das nur allzu gern bestreiten würden.

Jedes Leben dauert an, solange es von Lebenden erinnert wird. Die Erinnerungen werden von Generation zu Generation weitergegeben. Eins kommt zum anderen, so wie man Münze auf Münze legt, das Leben kennt kein Falschgeld. Die Erinnerungen Überlebender, die nach dem Aufruf des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds im Jahre 2021 überliefert sind, umfassen Familienschicksale aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Sie stammen von Menschen, die allesamt Kategorien zugeordnet waren, die zur Auslöschung bestimmt waren: Juden, Sinti und Roma und Personen mit abweichenden politischen Ansichten und Überzeugungen. Der Krieg war 1945 nicht vorbei, die nächsten Generationen tragen seine Folgen weiter. In den Erinnerungstexten sind die Schicksale Überlebender von 1945 bis zur Gegenwart festgehalten. Sie bilden ein Mosaik von Geschichten und Antworten auf die Frage, wie man das eigene Überleben überleben kann. Wie man sein Leben in einem weiteren, – nunmehr kommunistischen – totalitären System behaupten kann. Viele waren vom Krieg traumatisiert, es fiel ihnen  nicht leicht, einen Sinn im Leben zu finden, zu studieren, sich zu verlieben und das Leben von Gleichaltrigen zu teilen. Häufig konnten Überlebende nur zu anderen Menschen Kontakt aufbauen und sich ihnen anvertrauen, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten. Wie vielen stand jedoch nach 1948 eine erneute Emigration, eine gewaltsame Vertreibung oder die physische Liquidierung bevor! Ihre Geschichten bergen die Vergangenheit dieses Landes, der Tschechoslowakei Masaryks, des Protektorats Böhmen und Mähren, der ‚Juden-Säuberungen‘ in den fünfziger Jahren und der Marktwirtschaft seit 1989. Über die Erste Tschechoslowakische Republik lässt sich endlos diskutieren. Tatsache aber ist, dass sie den Menschen eine grundlegende moralische Orientierung mitgegeben hat. Viele Briefe, die von Menschen verfasst wurden, die am Widerstand beteiligt waren, enthalten immer wieder die Worte Ehre, Heimat und T. G. Masaryk. Mehrheitlich in bürgerlichen Familien aufgewachsen, also Familien mit klassischer, humanistisch orientierter Erziehung, deren Schwerpunkt auf Literatur, Musik und Theater lag, hatten die Schreibenden humanistische Gymnasien besucht, an denen Latein und Griechisch gelehrt wurde. Kunst und Kultur waren für sie Teil ihres Lebens, und unter „Bildung“ verstanden sie eine Bildung, die in die Tiefe geht und ein Bewusstsein für Zusammenhänge schafft. Dazu braucht es ein Umfeld, das die Entfaltung eines individuellen Charakters ermöglicht. Und das kann kein totalitäres System bieten.

Die Erinnerungen Überlebender bringen uns das Leben von damals nahe. Es gab weder Sieger noch Besiegte. Die Menschen waren in den Lauf der Dinge geworfen und wussten nicht, wo dieser sie entlangführen, wo er sie hinbringen würde. Erst Jahre später wurden ihnen alle Zusammenhänge klar. Es hat sich herausgestellt, dass man auf Basis ein- und derselben Situation radikal verschiedene Geschichten erzählen kann. Wichtig dabei ist, die eigene Geschichte nicht zu verschweigen. Mit den Jahren schleift sich der Eifer, die Furchtbarkeiten zu registrieren, ab. Es bleibt der Versuch, zu erzählen, zur Wahrheit vorzudringen und sie sich selbst zu vermitteln. Nicht, um anderen mit den geschilderten Ereignissen den Atem zu rauben. Es verlangt  Mut, sich auf lang zurückliegende Erinnerungen zu besinnen, und für diesen Mut und diese Aufrichtigkeit schulden wir den Überlebenden riesengroßen Dank. Zumal wir heute nicht nur aus der psychologischen Theorie, sondern auch auf der Basis neurowissenschaftlicher Erkenntnisse wissen, dass es eines der grundlegenden Prinzipien der Seelenhygiene ist, sich vor überwältigenden negativen emotionalen Einflüssen zu schützen. Wir sollten also bei unseren Zukunftsplänen nicht davon ausgehen, größeren emotionalen Belastungen standhalten zu können, als wir in der Vergangenheit bereits ausgehalten haben. Die Tür zur Erinnerung aufzustoßen, erfordert Mut. Viele Überlebende haben ihre Nachkommen nie mit ihrer eigenen Kindheit und den Erinnerungen an jene Zeiten belasten wollen, als die meisten von ihnen selbst noch Kinder waren.

Der Zweite Weltkrieg hat die nachfolgenden Generationen gezeichnet. Die Frage, wie man das Überleben überlebt, stellt sich nicht nur für diejenigen, die im Konzentrationslager waren. Es ist die Frage aller gefolterten und vergewaltigten Körper heute. Es ist das Trauma aller Überlebenden und der nachfolgenden Generationen ihrer Kinder. Wer überlebt hat, ist gezeichnet. Die Seele hat einen Knacks. Das Grundvertrauen in die Welt ist gestört. Der Zweite Weltkrieg ist vor allem ein psychischer Schlag für ganz Europa. Ohne Vertrauen kann man nicht leben. In Briefen aus nationalsozialistischen (und ebenso auch aus kommunistischen) Lagern durfte man nur über bestimmte Themen schreiben. Und nur todernst. Der Brief musste lesbar sein, frei von Korrekturen und Streichungen sowie vorgeschriebene Ränder und eine graphisch-stilistische Form einhalten. Anführungszeichen, Wortunterstreichungen und Fremdwörter waren den Häftlingen verboten. 6 Millionen Juden, 250 000 Sinti und Roma und 360 000 ‚Geisteskranke‘ und Homosexuelle wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet. Menschen mit politisch missliebigen Ansichten, Evangelikale, Kommunisten, Zeugen Jehovas und auch ‚Geisteskranke,‘ Epileptiker und Schizophrene wurden verfolgt. Die Nationalsozialisten planten die Ermordung von 12 Millionen Juden. Anschließend sollten 30 bis 40 Millionen Slawen, vor allem Russen, Polen und Tschechen, an die Reihe kommen. Die Juden waren zur Ausrottung bestimmt. Die Nationalsozialisten wollten die Eliten aller unterworfenen Länder vernichten, dazu dienten ein Verbot des Hochschulwesens und die Hinrichtung kultureller Eliten. Im Geiste von Hitlers Vision waren die damaligen Bewohner Osteuropas zunächst als Sklaven vorgesehen. Die unterworfenen slawischen Völker sollten zunächst versklavt und dann ausgelöscht werden.

ELIŠKA ARNETOVÁ: Ich bin Jahrgang 1936, also erinnere ich mich an den Krieg, vor allem an die Stiefel der Gestapo, sie waren so hoch wie ich groß war.

Der außergewöhnliche Wert dieser Erinnerungen beruht auf ihrer Ganzheitlichkeit. Sie rufen die Erinnerung an Schicksale weiterer Überlebender wach. Auch Schicksale von Roma, die sich zur tschechischen Nationalität bekannt hatten. Auch sie sollten aus „rassischen“ Gründen ausgerottet werden. Anders als die Juden verfügten die Roma jedoch nicht über intellektuelle Eliten, die nach dem Krieg die Geschichte des Holocaust an ihnen hätten dokumentieren können. In Auschwitz gab es Gedenkveranstaltungen, aber lange Zeit weder in Lety, noch in Katyn, noch in Jáchymov. Das Zeugnis der Überlebenden ist eine Waffe gegen Holocaustleugner, ultrarechte Politiker, die behaupten, dass bei Hitler gar nicht alles schlecht war und dass der Holocaust revidiert werden müsse, Politiker, die mit Worten ähnlich denen des Nazi-Funktionärs Robert Ritter über das Roma-Konzentrationslager in Lety (wo nach dem Krieg eine Schweinemastanlage errichtet wurde und es 70 Jahre dauerte, bis der Staat den Schweinestall aufkaufte) sagen, es sei gar nicht so schlimm gewesen, das Konzentrationslager der Nazis sei kein Vernichtungslager für Roma gewesen, sondern nur ein Arbeitsasyl für „faule Zigeuner“. Die rassistischen und antisemitischen Stereotype leben weiter. Konkrete Erinnerungen rühren an Probleme, die das Heute betreffen, Probleme der sozialen Basis des Bösen: Welche Mechanismen ermöglichen die moralische Gleichgültigkeit einer Gesellschaft? Hier handelt es sich um ein universelles Problem der modernen conditio humana, das in der Nachkriegszeit zum Beispiel Albert Camus und Jean-Paul Sartre beschäftigt hat. Wir wissen, dass die Festigung von Herrschaft in der modernen Gesellschaft nicht zwangsläufig auf einen Prozess der Humanisierung hinausläuft, ganz im Gegenteil: Wenn eine hierarchisch übergeordnete Gruppe Menschen eine andere erniedrigt, kann ein Prozess der Unterdrückung einsetzen, der die Rechte der Erniedrigten in Mitleidenschaft zieht. Der Holocaust war nicht das Werk moralisch gestörter Einzelner, die Täter waren geistig gesund und in sittlicher Hinsicht ‚normal‘. Was also hat ihre moralische Gleichgültigkeit herbeigeführt? Wie kann es sein, dass der Holocaust, wie zum Beispiel Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Günther Anders, Imre Kertész, Richard L. Rubenstein und Zygmunt Bauman übereinstimmend festgestellt haben, nicht vom Untergang, sondern vom Fortschritt der Zivilisation zeugt? Weil er ohne die Technik und das industrielle Potential der modernen Gesellschaft gar nicht möglich gewesen wäre?

Hannah Arendt stand mit ihren Ansichten lange Zeit allein. Als sie darauf hinwies, dass das Verbrechen mit dem stillen und gleichgültigen Einverständnis der Öffentlichkeit von Menschen begangen worden war, die weder Sadisten noch Perverse waren, wurde sie heftig angegriffen. Diese Menschen sind erschreckend normal gewesen. Mit anderen Worten: Menschen wie wir hatten diese Grausamkeiten begangen. Jean Améry war anderer Meinung. Ihm zufolge bedeutet, den Körper eines anderen zu foltern, einerseits eine Potenzierung der Kräfte des Folternden und andererseits den Verlust der Würde des Gefolterten. Im Zusammenhang mit dem konkreten Leiden der Juden polemisierte er gegen Hannah Arendts These von der Banalität des Bösen als Erklärung für die Faktizität des Holocaust. Es existiere kein unpersönliches oder anonymes Böses, davon zeugten die gefolterten und ermordeten Körper der Opfer. Immer trage jemand die Schuld, und manchmal, wie in diesem Fall, sei ein ganzes Volk schuldig. Améry bestand eindeutig und entgegen der allgemeinen Ansicht darauf, dass es eine Kollektivschuld der Deutschen gebe, die – bis auf Ausnahmen – den Opfern nicht zur Hilfe geeilt seien.

ALFRÉD HLUŠEK: Ich wartete vergebens. Mein Vater, meine Mutter und meine beiden älteren Geschwister kamen nicht aus den Konzentrationslagern zurück.

Es ist grundlegend wichtig, Zeugnis abzulegen. Der ungarische Schriftsteller Imre Kertész wurde als Jugendlicher nach Auschwitz und Buchenwald verschleppt. Er war vierzehn und wusste nicht, wohin man ihn brachte. Entscheidend war, dass er behauptete, er sei sechzehn und damit arbeitsfähig. Diese Lüge rettete ihm das Leben, sonst hätte man ihn direkt in die Gaskammer geschickt. Nachbarn, ungarische Faschisten, hatten ihn angezeigt. Er suchte nach einer angemessenen Sprache, um seine Erfahrungen auszudrücken und wollte, analog zu Arnold Schönberg, der die klassische Musik aufgebrochen hatte, ein atonales Sprechen. Auschwitz begriff er als Ort der Transzendenz, dämonisierte es aber nicht und ging genauso vor wie Hannah Arendt in der Philosophie. Kertész sagte später, der Holocaust könne in seinem Schreiben niemals in der Vergangenheitsform stehen. Er habe im Holocaust einen bestimmten Zustand der Menschheit ausgemacht, die Endstation des großen Abenteuers, zu dem der europäische Mensch mit seiner über zweitausend Jahre lang aufgebauten ethischen und moralischen Kultur im Rücken herangewachsen sei. Er reduzierte Auschwitz nicht auf den Antisemitismus, sondern interpretierte es unter dem Gesichtspunkt einer modernen, industrialisierten Massengesellschaft, die den Totalitarismus möglich gemacht hatte. Kritiker hielten ihm vor, er ginge in seinem Roman Mensch ohne Schicksal nicht hart genug mit den Deutschen ins Gericht. Für Kertész war der Holocaust nichts, was nur die Juden und die Deutschen betraf, sondern ein universelles Erlebnis. „Denke ich an einen neuen Roman, denke ich wieder nur an Auschwitz. Ganz gleich, woran ich denke, immer denke ich an Auschwitz. Auch wenn ich scheinbar von etwas ganz anderem spreche, spreche ich von Auschwitz. […] Auschwitz und alles, was damit zu tun hat (aber was hat schon nichts damit zu tun?) ist das größte Trauma der Menschen in Europa seit dem Kreuz, auch wenn es vielleicht Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern wird, bis sie sich dessen bewusst werden.“ Er lebte sein ganzes Leben lang in Auschwitz, bis zum Ende.

MEHR IN:

Karel Cudlín, Radka Denemarková, Tomáš Jelínek (ed.), Silja Schultheis (ed.): Jako by se to všechno stalo včera / Als wäre das alles gestern geschehen. Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds, Prag 2021.

OBSAH / INHALT

Předmluva – 8

Vorwort – 9

Radka Denemarková: „Mně se daří podle možností přiměřeně, jak dál?“ – 10

Karel Cudlín: „Já v sobě cítím takovou sílu k přežití.“ / „Ich spüre eine solche Kraft zum Überleben in mir.“ – 57

Radka Denemarková: „Mir geht es den Umständen entsprechend. Und weiter?“ – 104

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