„Als wäre das alles gestern geschehen“

Obwohl seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs über ein Dreivierteljahrhundert vergangen ist, gibt es auch heute noch Menschen, die persönlich Zeugnis von dessen Gräueln ablegen können. Während der Corona-Pandemie wurden fast tausend Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung angesprochen und um ihre Erinnerungen und Botschaften gebeten. Aus ihren Antworten ist ein außergewöhnliches Buch entstanden mit dem Titel: Jako by se to všechno stalo včera / Als wäre das alles gestern geschehen. Es umfasst Porträtfotos und Zitate der Überlebenden und einen bemerkenswerten Essay von Radka Denemarková zum Holocaust, der auf den Aussagen der Zeitzeugen basiert und die potenzielle Wiederholbarkeit des Holocaust auch in der Nachkriegsgesellschaft unterstreicht. Kontrapunkt zu den warnenden Überlegungen von Denemarková sind die 22 Zeitzeugen-Porträts von Karel Cudlín – aus ihnen spricht trotz des Leids, das den Überlebenden widerfahren ist, eine ungebrochene Lebenskraft.

Das Buch wird anlässlich eines feierlichen Konzerts für die NS-Opfer in der Prager Staatsoper vorgestellt.

Die Traumata der Überlebenden sind unser aller Traumata

Das Buch entstand auf Initiative des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Dieser fördert bereits seit 1998 Projekte, die einen tieferen Einblick in die gemeinsame Kultur und Geschichte beider Länder vermitteln. „Die Traumata der Überlebenden sind unser aller Traumata. Doch damit sie uns auch nach so vielen Jahren noch berühren, sollten konkrete Menschen zu Wort kommen, die noch über sie sprechen können“, so Petra Ernstberger und Tomáš Jelínek, die Geschäftsführer des Fonds. Die Erinnerungen der Überlebenden an ihre Freunde und Verwandten sind individuell und einzigartig. Die Überlebenden wie auch die Toten haben Namen, und es ist wichtig, sich dies in Erinnerung zu rufen. Unter den Porträtierten sind Menschen, die die Konzentrationslager von Auschwitz und Theresienstadt durchlitten oder die Auslöschung von Lidice überlebt haben. Ihre Eltern wurden vor ihren Augen erschossen oder die als Widerstandskämpfer hingerichtet wurden oder im KZ ums Leben kamen. Dennoch scheint in ihren Erinnerungen, ebenso wie in ihren Porträtfotos, kaum Resignation anzuklingen.

Wir leben immer noch in derselben zivilisierten, kultivierten Gesellschaft, die den Holocaust ermöglicht und nicht verhindert hat

Die skizzierten Erinnerungen der Zeitzeugen verdeutlichen jedoch erneut, dass die Entstehung von Krieg und Holocaust eng mit dem Wesen unserer neuzeitlichen europäischen Gesellschaft und generell der modernen Machtmechanismen verknüpft ist. Dies macht uns Denemarková mit äußerster Dringlichkeit klar: „Wir leben immer noch in derselben zivilisierten, kultivierten Gesellschaft, die den Holocaust ermöglicht und nicht verhindert hat. Als der Holocaust kam, weigerten sich die Menschen, die Tatsachen für wahr zu halten, die sie vor Augen hatten.“ Und weiter erklärt sie: „Auch heute hat sich unsere Wahrnehmung nicht verändert: Wir werden wieder nicht bereit sein, die Warnsignale zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn wir sie vor Augen haben. Wir sind aufgeblasen und durch die Perspektive unserer ökonomisch abgesicherten Konsumwelt blind geworden, wir sehen nicht, wie die moralische Haltung schwindet, wir weigern uns, die Ungerechtigkeiten und die Genozide in der Welt wahrzunehmen, wir schweigen, wenn Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, weil wir uns nicht mit ihrem Unglück infizieren wollen. Das massenhafte Morden war unvorstellbar, aber heutzutage müssen wir uns das Unvorstellbare weit im Voraus vorstellen, sonst können wir Ungerechtigkeiten nicht verhindern.“

Die Publikation kaufen

Die zweisprachige (deutsch-tschechische) Publikation Jako by se to všechno stalo včera / Als wäre das alles gestern geschehen wird in Deutschland über den Mitteldeutschen Verlag vertrieben.

Die öffentliche Präsentation

Die öffentliche Präsentation des Buches unter Beteiligung der Autoren und Zeitzeugen findet am 27. Oktober ab 13:30 Uhr in der Prager Staatsoper statt (Salon S.K. Neumann).

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