Wie Taiwan die Covid-19-Epidemie bewältigt hat

Da ich aus der Heimat vermehrt Fragen zum Coronavirus erhalten habe, bat ich meine unersetzliche Assistentin, meine Erfahrung mit der Epidemie in Taiwan hier zu veröffentlichen. Taiwan ist eines der Länder, die die Covid-19-Epidemie bewältigt haben. Naiverweise habe ich geglaubt und gehofft, dass andere Länder, bzw. die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese wertvolle Erfahrung und dieses „Know-how“ flächendeckend als globales Sicherheitsnetz zur Prävention und Krankheitsbekämpfung übernehmen werden. Europa hätte daraus lernen können. Und das, obwohl Taiwan isoliert ist, weil das Land auf Druck seitens China nicht einmal als WHO-Mitglied aufgenommen wurde! Damit muss sich das Land auf seine eigenen Stärken verlassen und unterschätzte nichts.
Mit Entsetzen beobachte ich, wie unvorbereitet Europa ist, obwohl seit dem Ausbruch der Epidemie in China von einer möglichen Pandemie die Rede ist. Taiwan hat von Anfang an nichts unterschätzt, die Regierung handelte schnell und sachlich, mit einem Expertenteam und präzisen Anweisungen. Der wichtigste Entscheidungsträger und Leiter des Krisenzentrums war der Epidemiologe Chen Chien-jen. Die Regierung setzte ausschließlich auf die Anweisungen dieses Arztes, Wissenschaftlers und Experten für Infektionskrankheiten. Er äußerte sich täglich, ebenso die taiwanesische Präsidentin Tsai Ing-wen, die in den Präsidentenwahlen im Januar ihr Mandat für eine weitere vierjährige Amtszeit verteidigte, und der Premierminister Su Tseng-chang. Diese Informationen waren immer sachlich und unaufgeregt. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde ein Zeitfenster für regelmäßige und relevante Informationen für die Bürger im ganzen Land festgelegt. Sie mussten sich daher nicht den ganzen Tag mit falschen, widersprüchlichen oder irreführenden Informationen befassen. Zu jeder infizierten Person wurden genaue Informationen darüber bekannt gegeben, wohin sie sich bewegte, mit wem sie in Kontakt kam und wie ihr Gesundheitszustand ist. Die meisten Infizierten wurden wieder gesund, das Niveau der Gesundheitsversorgung ist hier hoch und zählt zu den Prioritäten der Regierung. Das Land hat die SARS-Epidemie erlebt und daraus die Lehre gezogen, dass kein Detail unterschätzt werden darf. Das Leben ging – mit Einschränkungen – normal weiter. Und mit der Gewissheit, dass die Situation unter Kontrolle ist. Panik (geschweige denn ein „Plündern“ der Geschäfte) habe ich hier nicht einmal ansatzweise bemerkt.

Der Höhepunkt der Epidemie, der nun in Europa naht, war hier im Januar und Februar. Taiwan stellte sofort für jeden Bürger Mundschutz und Desinfektionsmittel zur Verfügung, mindestens drei Stück. Im ganzen Land wurde ein einheitlicher Preis für den Mundschutz festgelegt, in Höhe von € 0,20. Zudem untersagte der Premierminister jeglichen Handel mit Mundschutz. Zuwiderhandlungen waren mit einer Geldstrafe in Millionenhöhe bewehrt. Covid-19-Tests waren für alle vorhanden und kostenlos. Mit menschlichem Unglück wird kein Geld verdient. In Südkorea wurden sogar Drive-in-Teststationen eingeführt. Dort musste man nicht einmal aus dem Auto aussteigen, es reichte, das Fenster zu öffnen. Der Test wurde vor Ort durchgeführt. In den medizinischen Auffangzentren (24 Stück wurden sofort im ganzen Land eingerichtet) waren immer jeweils nur zwei Personen im Raum anwesend, damit sich die Menschen nicht in Krankenhäusern drängen müssen. Der Verkehr wurde in keiner Weise eingeschränkt. U-Bahnen, Züge, Busse und Flugzeuge wurden regelmäßig desinfiziert. Niemand verließ das Haus ohne Mundschutz, bei allen öffentlichen Veranstaltungen wurden sichere Abstände zwischen den Stühlen und Reihen angeordnet. Restaurants, Theater und öffentliche Veranstaltungen wurden nicht abgesagt.

Wir befolgten diese Empfehlungen: 

  • Vermeiden Sie Orte mit großen Menschenansammlungen.
  • Wann immer Sie Ihre Wohnung verlassen, nur mit Mundschutz.
  • Wenn Sie husten, niemals in Ihre Handflächen.
  • Eine verbesserte Händehygiene ist generell wichtig. Führen Sie überall Taschendesinfektionsmittel mit sich.
  • Berühren Sie nicht Ihre Augen.
  • Schütteln Sie sich keine Hände.
  • Täglich hauptsächlich ältere Menschen untersuchen (Bei Beschwerden rufen Sie bitte an die entsprechende Telefonnummer an, wir arrangieren alles Notwendige.)
  • Trinken Sie nur warme Getränke (entsprechend der Körpertemperatur, kalte Getränke belasten den Körper). Achten Sie auf genügend Antioxidantien (Vitamin C, Obst und Gemüse).
  • Abstand in öffentlichen Verkehrsmitteln einhalten.
  • Benutzen Sie zum Festhalten in der U-Bahn und in anderen öffentlichen Verkehrsmitteln Ihre Unterarme, nicht Ihre Hände.
  • Halten Sie Ihren Mund und Hals stets feucht und nicht trocken. Trinken Sie mindestens alle 15 Minuten einige Schlucke Flüssigkeit. Selbst wenn das Virus in den Mundraum gelangt, spült Wasser oder andere Flüssigkeit es durch die Speiseröhre in den Magen, wo es von der Magensäure zersetzt wird. Wenn Sie nicht regelmäßig viel Wasser trinken, kann das Virus in die Atemwege und Lungen gelangen.

Vorsicht ist geboten, Panik nicht. Paradoxerweise bin ich jetzt in einem Land, das sicher ist. Allen, die mich anrufen und zu einer sofortigen Heimkehr bewegen möchten, sage ich, dass jeder eher in Taiwan sein sollte. Es ist eine reife, funktionierende Demokratie. Eine Demokratie, die in einer Krisensituation handeln kann. Das unsichtbare Coronavirus ist, wie sich gerade zeigt, auch ein soziales Virus, da es die Schwächen der Politiker und des Systems, in dem wir leben, aufdeckte.

Radka Denemarková

Übersetzung: Dagmar Heeg und Helga Humlová