Wie Taiwan die Covid-19-Epidemie bewältigt hat, Teil 3

Noch eine Anmerkung zu einigen Fragen. Die Bereitschaft der Öffentlichkeit, die schnellen Regierungsverordnungen umzusetzen, erleichterte den taiwanesischen Beamten das Vorgehen. Die Mehrheit der Taiwanesen erlebte die SARS-Epidemie, viele erinnern sich an die schwere Zeit. Die neue Epidemie weckte in den Menschen eine freundliche Solidarität und ein Gemeinschaftsgefühl. Über gegenseitige und soziale Hilfe wird viel mehr als über die Ökonomie gesprochen. Nichts ist im Leben so wichtig wie Freundschaft. Taiwan hat in großem Maße in die Forschung im medizinischen Bereich investiert, in den letzten Jahrzehnten gab es die Gefahr von Seiten Chinas und seiner biochemischen Waffen. Forscherteams widmeten sich umgehend der Massenproduktion von Diagnose-Tests für COVID-19. Ziel war ein Schnelltest mit einem Ergebnis, das nach 20 Minuten zur Verfügung steht.

Taiwan bemühte sich, eine Ausgangssperre zu vermeiden. Auch hier kam es in der Geschichte (während der Okkupation und dem weißen Terror) im Namen der „Sicherheit“ zu Machtmissbrauch. Sie wissen, dass man einen Bürger nicht auf einen „Virenverbreiter“ reduzieren kann, ihm die menschliche Würde nehmen, seine Freiheit einschränken, Institutionen lahmlegen, was zu weiterer Unsicherheit führt. Die Globalisierung bringt ein Problem mit sich, dem Taiwan zuvorkam. Es erwies sich als ungünstig, die Herstellung bestimmter Produkte in einem Land zu konzentrieren. Deshalb sind wir von medizinischen Materialien und manchen Medikamenten abhängig, die aus China oder Indien kommen, wohin ihre Herstellung wegen der billigen Arbeitskraft verschoben wurde. Das sind Schwachpunkte der Marktwirtschaft. Taiwan hat gelernt, autark zu sein. Es unterstützt Kleinunternehmer, Familienunternehmen, lokale Landwirte und eine Vielfalt, nicht Monopole und Monokulturen. Was bedeutet, dass es sich regional ernähren kann. Wir dagegen stellen uns jetzt die Frage, wie wir überleben. Als hochentwickelte Industrienation sind wir gewohnt, dass wir in jeder Saison in den Supermarktregalen alle Lebensmittel aus dem Ausland finden. Vor einigen Wochen war der Gedanke, dass das nicht unbedingt so sein muss, absurd. Das Corona-Virus verwandelt viele scheinbar unsinnige Szenarien in die Realität.

Für den Quarantäne-Fall gibt es Empfehlungen des Krisenstabs, in dem auch ein Psychologen-Team vertreten ist. Es sind Rahmenempfehlungen: Die Widerstandsfähigkeit des Immunsystems ist genetisch gegeben, das Maß psychischer und physischer Belastbarkeit in Stresssituationen individuell. Hilfe anzubieten und Erfahrungen mit anderen auszutauschen, ist hier leichter dank der Gemeinschaft, z.B. der buddhistischen Tempel. Im normalen Leben funktionieren sie als Gemeinschaftszentren (im Gegensatz zu China gibt es hier Meinungs- und Religionsfreiheit). Wichtig ist es, die Struktur und die Ordnung der einzelnen Tage zu erhalten. Nicht den Geist mit Planung zu belasten (jetzt plant das Virus), sich nicht auf materielle Dinge zu konzentrieren. Das Gerüst des Tages sind gemeinsame Mahlzeiten zu einer bestimmten Uhrzeit und ein regelmäßiges Programm entsprechend dem Alter der Familienmitglieder. Kinder nehmen alles sensibel wahr, man muss ihnen empathisch zuhören, erklären, die Veränderung auch als Chance der Neuordnung von Werten und der Verstärkung von Familienbanden auffassen. Für ältere Kinder ist die Schule der Anker, gegebenenfalls das Erlernen einer weiteren Fremdsprache (in Taiwan ist es Japanisch). Für jüngere Kinder Spiele und das gemeinsame Geschichtenerfinden (Märchen werden hier viel selbst illustriert). Im Rahmen der Psychohygiene ist es gesund, sich eine bestimmte Zeit nur für sich selbst zu reservieren und sie mit gemeinsamer Zeit abzuwechseln (hier wird Yoga und Meditation empfohlen). Regelmäßige Tätigkeit (in übersichtliche Zeitabschnitte eingeteilt) ist wichtig für die mentale Hygiene, die Gedanken richten sich auf die momentane Aufgabe, es entsteht kein Raum für ängstliches Grübeln, das zu Depressionen führen kann. Grundlegend sind auch ein Nachrichten-Detox, die Verbindung mit Freunden, Humor, soziale Solidarität, Digitalisierung (für schulpflichtige Kinder gibt es Systemhilfe, wenn im Haushalt nicht die notwendige Technik für Online-Unterricht zur Verfügung steht). Beim Einhalten der Tagesstruktur helfen Tagebucheinträge, sie lenken die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart. Auf Taiwan ist die behutsame Beobachtung von Veränderungen der Natur nach der japanischen Tradition zu spüren. Wenn sich bei konfliktreichen Personen Frustration, Stress, Aggressionen verstärken, muss man häuslicher Gewalt vorbeugen, die verletzlichsten Haushaltsmitglieder, also die Kinder, schützen, sich an Fachleute wenden.

Taiwan reagiert auf die Realität. Betriebe haben die Herstellung von Gesichtsmasken nach Bedarf erhöht. Gleichzeitig ist man sehr vorsichtig, wenn irgendein Staat die Situation ausnutzt und Hilfe mit politischen Bedingungen, Expansion und Propaganda verbindet. Ich beobachte ein anderes Verhalten in Europa. China und Russland tun nichts aus gutem Herzen, handeln nicht uneigennützig, das sind autoritäre Staaten, die propagandistisch die Lücke füllen, die die EU leider freigemacht hat. Sie wollen ihren politischen Einfluss vergrößern und in der Not nicht nur Europa schwächen. Das Corona-Virus hält allen einen Spiegel vor. Die humanitäre und wirtschaftliche Krise, die durch das Corona-Virus verursacht wurde, ist so umfassend, dass sie die Legitimität eines jeden politischen und ökonomischen Systems verunsichern und bedrohen kann. Nein das Virus, die Politiker sind Teil eines grundlegenden Problems. Unauffällig nähern wir uns auch noch auf andere Weise dem chinesischen totalitären Modell. Zum Beispiel durch Verträge mit Telekommunikations-Gesellschaften. Dass der Staat wegen des Corona-Virus die Bewegung der Menschen nachverfolgen kann.

In Italien und Australien wachsen Zweifel an der chinesischen Hilfe, die Schutzanzüge und Desinfektion sind unbrauchbar (im Februar sickerten Nachrichten über skandalösen Handel chinesischer Firmen mit gebrauchtem Mundschutz durch). Beschwerden in Spanien wegen nicht korrekter Tests eines chinesischen Herstellers zeigen auch, dass es China nicht um die Kranken geht. Wohltätigkeit ist mit der Bedingung verknüpft, dass die Empfänger nicht chinesische Menschenrechtsverletzungen kritisieren und der chinesische Präsident als weiser Führer angesprochen wird. Eine Reihe von Managern und Staatsoberhäuptern gibt die Freiheit auf, die Würde, verliert Selbstachtung (die chinesische Führung feiert den serbischen Präsidenten, der die chinesische Fahne küsste). Ich habe nichts gegen Dankbarkeit für Hilfe in der Not. Nur sollte sie allen ausgesprochen werden, allen Ländern gleich. Und darf nicht dazu führen, dass man nicht die Wahrheit sagen und schreiben darf über die wirkliche Situation in China. Ich werde den taiwanesischen Januar nie vergessen. Den Fakt, dass die chinesische Führung an der gegenwärtigen Situation Schuld ist. Die chinesischen Politiker haben lange vernebelt und gelogen, seit Dezember alle Fakten über die Epidemie verborgen, und so die Ausbreitung des Virus über die Landesgrenzen hinaus befördert. Man muss an die Verantwortung und Moral erinnern, die aus der Tatsache selbst entsteht, dass wir leben und den Planeten mit allen anderen teilen. Nicht einmal in einer Zeit, in der es ums Überleben geht, dürfen wir Freiheit und Würde aufgeben.

Radka Denemarková

Übersetzung: Raija Hauck