Wie Taiwan die Covid-19-Epidemie bewältigt hat, Teil 2

Vergessen Sie nicht, dass im Januar niemand etwas über das Virus wusste. Wir lebten in einer großen Ungewissheit. Das totalitäre China verheimlichte sämtliche Informationen (erschütternd ist das Schicksal jenes chinesischen Arztes, der bereits im Dezember auf das unbekannte Virus aufmerksam machte und als „Staatsfeind“ bezeichnet wurde). Am 31. Dezember 2019 wurde die Weltgesundheitsorganisation (WHO) über eine Pneumonie-Welle unbekannten Ursprungs in der chinesischen Stadt Wuhan informiert.

Am gleichen Tag wurde in Taipeh, der Hauptstadt von Taiwan, das erste Gesundheitspersonal einberufen. Bei Reisenden, die mit einem Direktflug aus Wuhan kamen, wurde Fieber gemessen und nach Atemwegsproblemen gefragt. Bereits am 5. Januar wird mit der Suche nach allen Personen begonnen, die innerhalb der vergangenen 14 Tage in Wuhan waren und Fieber hatten oder Anzeichen einer Atemwegsinfektion zeigten.

In diesen Tagen gab es natürlich noch keinen Test zum Nachweis des bis dahin unbekannten Virus. Daher wurden Verdachtsfälle auf insgesamt 26 Viren, einschließlich SARS, und weitere Atemwegserkrankungen untersucht. Wer Symptome hatte, musste in Quarantäne. Das Gesundheitspersonal machte Hausbesuche und entschied über Hospitalisierungen. In den folgenden Wochen wurden die Beobachtungen ausgewertet.

Am 27. Januar wurde entschieden, dass die Daten aus dem landesweiten System der Krankenkassen mit den Angaben aus den Einwanderungsämtern, dem Registrierungsregister der taiwanesischen Bürger und dem Ausländerregister verglichen werden sollen. Damit konnten praktisch alle Personen identifiziert werden, die innerhalb der letzten 14 Tage in Risikogebieten waren. Die NHCC (die nationale Gesundheitsleitung in Krisensituationen) benötigte einen Tag zur Erstellung dieses Systems.

Dank einem ausführlichen Plan und der rechtzeitigen Reaktion blieb die Situation unter Kontrolle. Am 15. Januar, zwei Wochen bevor die WHO die ausgebrochene Infektion zur weltweiten Notsituation erklärte, wurde der Export von Mund- und Atemschutzmasken bis zur vollständigen Auffüllung der eigenen Vorräte ausgesetzt.  Die NHCC wurde zum Koordinationszentrum, dem auch das neue „Zentrale Epidemiezentrum“ (CECC) unterstellt ist. Taiwan verlängerte die mit den Feiern zum chinesischen Neujahr zusammenhängenden Ferien um zwei Wochen, da die Gefahr zu diesem Zeitpunkt am größten war. Hunderttausende Menschen reisten in das Epizentrum der Ansteckung, nach China, und wieder zurück. Familienbesuche standen landesweit auf der Tagesordnung. Die für die Wirtschaft zuständigen Ministerien führten sofort Maßnahmen zur Stimulierung verwundbarerer Industriezweige ein, weshalb nun die wirtschaftlichen Verluste in Taiwan minimal sind. Das Land erschwert das Leben seiner Bürger nicht durch bürokratische Hürden und unterstützt Gewerbetreibende und örtliche Kleinunternehmer, die in derartigen Situationen unschätzbar wertvoll sind.

Dieser demokratische Staat, der während der Covid-19-Krise sogar Präsidentschaftswahlen abgehalten hatte, ist im Kampf gegen die Epidemie erfolgreich und konnte das Ausmaß der Ansteckungen deutlich eindämmen. Weder die Bevölkerung noch die Fachwelt bezeichnete die getroffenen Maßnahmen zu irgendeinem Zeitpunkt als alarmierend oder in der Situation unangebracht, auch nicht während der ersten Tage, als das Tragen eines Mundschutzes empfohlen wurde. All dies, obwohl es fast keine Verdachts- oder Ansteckungsfälle gab.

Faszinierend war die Professionalität in der Kommunikation. Sie war sachlich und beruhigend. Der Gesundheitsminister Chen Shih-chung sagte vom ersten Tag an, dass Ansteckungen in einer Bevölkerungsgruppe mittelfristig trotz aller Erfolge unvermeidbar sein würden. Und wie sieht das Ergebnis heute aus? Bis März gab es 48 Fälle, einschließlich eines Todesfalls (der Patient hatte andere ernste Gesundheitsprobleme), und einige Patienten sind schon wieder genesen. Nicht ein einziger Arzt hatte sich infiziert. Drei infizierte Personen aus den Reihen des Gesundheitspersonals kamen mit einem Patienten in Kontakt, den sie mit einer anderen Erkrankung einlieferten, der also keine offensichtliche Symptome einer Erkältung hatte. Dass er infiziert war, stellte man erst später fest.

Anfang Februar wurden die Mittel für die Erforschung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus erhöht. In öffentlichen Verkehrsmitteln und überall anders, wo es dichte Menschenmassen gibt, sah man praktisch niemanden ohne Mundschutz. Daneben gibt es ein über Jahre hinweg eingeführtes höchst wirksames System der öffentlichen Hygiene, wozu auch Toilettenanlagen in jeder U-Bahn-Station zählen, die kostenlos genutzt und penibelst rein gehalten werden, und wo auch Desinfektionsmittel bereitstehen.

Insgesamt zählt Taiwan weltweit zu den zehn Ländern mit dem wirksamsten Gesundheitssystem. Die Tatsache, dass das für Januar angesetzte Treffen des tschechischen Senatsvorsitzenden in Taiwan nicht zustande kam, ist umso fataler, als es in vielerlei Hinsicht wichtig gewesen wäre.

Mikrosituation, von der Taiwan erfasst wurde: Als das Land selbst ausreichend Mund- und Atemschutzmasken hatte, lieferte es solche als humanitäre Hilfe nach China. In das Land, das die Eigenständigkeit Taiwans nicht anerkennen will, und dem der chinesische Präsident in militärischen Worten eine Militärinvasion androht. Taiwan lieferte schon früher hunderttausende Mund- und Atemschutzmasken kostenlos (!) an Australien (während der Buschfeuer) und andere Länder, in denen Vulkane ausgebrochen waren. Soweit ich weiß, reagierte die tschechische Regierung nicht auf die im Januar ergangene humanitäre Hilfsanfrage nach Mund- und Atemschutzmasken, mit der Begründung, dass man diese für die eigene Bevölkerung benötige. Jetzt stellt sich aber heraus, dass dies nur eine leere Geste und eine Lüge war – in Tschechien hat nicht einmal das Gesundheitspersonal Mund- und Atemschutzmasken erhalten.

Offiziell wird Taiwan von der WHO – ungeachtet der Realität – als Hochrisikogebiet eingestuft. Und das nur aus politischen und wirtschaftlichen Gründen, weil mit Taiwan so verfahren wird, wie mit China – mit allen Konsequenzen, auch hinsichtlich der Reise(un)freiheit der Bürger dieses Landes. Gleichzeitig versagt die WHO dem Land quasi den Zugang zu jeglichen internationalen Hilfsmaßnahmen in der aktuellen Situation (da sie alle die entsprechenden Stellen im totalitären Peking durchlaufen müssten).

Hier gab es keinerlei Panik, aber auch keinen übertriebenen Optimismus. Es begann einfach eine Zeit der Vorsicht. Und alle Empfehlungen hatten insbesondere eine psychologische Bedeutung – die Menschen fühlten sich nicht machtlos. Die Fälle in Europa und in fast allen nicht asiatischen Ländern wurden und werden durch Menschen verursacht, die auf dem Luftweg ins Land kamen und theoretisch rechtzeitig hätten kontrolliert werden können. Das Virus lässt sich weder durch Grenzen noch durch Maschinengewehre stoppen, es ist auch nicht „chinesisch“, es ist „weltweit“ und erfordert deshalb einen gemeinsamen Ansatz und die Solidarität aller Länder. Der aus Fachleuten bestehende nationale Krisenstab achtete darauf, dass das Leben normal weitergeht, denn Panik und Stress schwächen den menschlichen Organismus und seine Abwehrkräfte.

Passen Sie auf sich auf und seien Sie rücksichtsvoll.

Radka Denemarková

Übersetzung: Helga Humlová