Chinesisch, tschechisch, dystopisch | Jungle World

REZENSION.

Niklas Lämmel: Chinesisch, tschechisch, dystopisch. Jungle World, 17. 2. 2022. S. 25.

Haben die Ohnmächtigen die Möglichkeit, die herrschenden Verhältnisse zu verändern? Dieser Frage geht Radka Denemarková in ihrem in China spielenden Roman »Stunden aus Blei« nach.

»Ein Gespenst geht um in Osteuropa, ein Gespenst, das man in Westeuropa ›Dissidententum‹ nennt«, schrieb der tschechoslowakische Dramatiker Václav Havel 1978 in seinem Essay »Versuch, in der Wahrheit zu leben«. Unter den damals herrschenden politischen Verhältnissen stellte er sich jedoch die Frage, ob das staatssozialistische System überhaupt von seinen Bürgern herausgefordert werden könne. Oder optimistischer formuliert: ob es eine »Macht der Ohnmächtigen« gebe.

Die tschechische Autorin Radka Denemarková greift diese Frage in ihrem monumentalen Roman »Stunden aus Blei« wieder auf, der kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen ist. Im 21. Jahrhundert geht das Gespenst des Dissidententums allerdings in China um, und die Frage, ob es in einem autoritären Staat überhaupt Handlungsmöglichkeiten für den Einzelnen gibt, stellt sich noch verzweifelter.

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Radka Denemarková: Stunden aus Blei. Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. 880 S., geb., € 32,90 (Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg)

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